Zuchtfragen

Ist die Neva eine "richtige" Sibirische Katze?

Diese Frage stellt mancher Züchter und meint sie rein rhetorisch, denn die Antwort hat er schon parat:
"Bei anderen Waldkatzenrassen gibt es den Maskenfaktor nicht, also kann die Neva folglich auch keine richtige Waldkatze sein."

Oder?

Was ist überhaupt eine Waldkatze?
Einigkeit herrscht darüber, dass die sogenannten Waldkatzenrassen allesamt nicht durch planmäßige Zucht entstanden sind. Aber sie kommen nicht etwa aus dem Wald, womöglich noch als Abkömmlinge der Wildkatzen, wie es der Name suggerieren möchte. In der Heimat der Norweger und Main Coon gibt es die Wildkatze nicht einmal! Auch in Russland kommen Wildkatzen nur in südlichen Regionen Russlans vor; etwa an den Südhängen des Ural und jedenfalls nich im Nordosten Russlands, eben der Gegegend, die auf so mancher Homepage Ahnungsloser als das Ursprungsgebiet der Sibirischen Katzen bezeichnet wird. Ein Blick auf die Landkarte genügt, um festzustellen, dass es dort so unwirtlich ist, dass weder Wild- noch Hauskatzen in dieser Region außerhalb menschlicher Behausungen überlebensfähig sind.
Etwas weniger verklärende Folklore und mehr Realitätssinn öffnet den Blick für die Tatsachen.
Die Wahrheit ist, dass die sogenannten Waldkatzen einfach langhaarige Varianten der gemeinen Bauernkatze bzw. Hauskatze sind. Dies gilt für die Farmkatzen aus Maine und die norwegischen Langhaarkatzen ebenso wie für die Sibirische Katze, die, anders als ihre Vettern, durchaus auch in größeren Städten der ehem. Sowjetunion zu Hause ist.
Betrachtet man Fotos von Norwegischen oder auch Amerikanischen Waldkatzen aus den Anfangsjahren der planmäßigen Zucht, so finden sich kaum Unterschiede zu heutigen Sibirischen Katzen. Erst die planmäßige Zucht auf differenzierte Zuchtziele hin, führte zu deutlicher erkennbaren Unterschieden. Als jüngste "Rasse" dürfte die Sibirische Katze nicht nur im Phänotyp, sondern auch genetisch identisch mit in ihrer Heimat verbreiteten kurzhaarigen Hauskatzen sein. Allerdings gibt es gerade im Falle der Sibirischen Katze auch Spekulationen über eine Verwandschaft mit der Kaukasischen Wildkatze (8 siehe auch Herkunft). Die Ähnlichkeit ist schon augenfällig, doch neue genetische Forschungen schließen eine Verwandschaft aus. Da in der Gesamtpopulation das Langhaargen vorhanden ist, fallen eben auch immer mal wieder "Sibirische Katzen" in ganz gewöhnlichen Straßenwürfen.
Haben Sie im Fernsehen schon einmal die Reportage "Die Katzen der Eremitage" gesehen? Unter den dortigen Stadtfindelkatzen in St. Petersburg, überwiegend Kurzhaar, kann man auch einige Sibirier sehen; prominentes Beipiel ist der Kater Wasja. Im Film wird auch gezeigt, wie eine weitere Langhaarschönheit kastriert wird, und ein kleiner schwarzer Langhaarkater aufs Dorf vermittelt wird.

Woher kommt nun aber das Langhaargen? Es scheint, dass das Langhaargen tatsächlich zuerst durch eine Spontanmutation bei Katzen in südlicheren Regionen Rußlands auftrat und sich von dort ausbreitete. Möglich aber auch, dass es unabhängig voneinander in verschiedenen Weltgegenden als Spontanmutation auftrat. Jedenfalls können Spontanmutationen durchaus unabhängig von einander auftreten. Beispiele dafür finden sich z.B. beim Lockengen, das bei vielen Tierarten (auch beim Menschen) auftritt. Bei Pferden waren Lockenpferde lange nur bei den russischen Baschkirenpferden bekannt, später entdeckte man Lockenpferde auch bei amerikanischen Mustangs. Vor wenigen Jahren wurde dann in Deutschland ein gelocktes Vollblutaraberfohlen geboren! Reinzucht ist seit ca. 200 Jahren verbürgt, die Abstammung des Fohlens durch Genanalysen belegt und ein Zusammenhang mit genannten Rassen ausgeschlossen. Auch bei den Katzen treten Lockenkatzen in verschiedenen Weltgegenden unabhängig voneinander auf.

Was hat das alles mit dem Maskenfaktor zu tun?
Belegt ist, dass der Maskenfaktor in heutigen Zuchtrassen wie Birma, Ragdoll oder Perser Colorpoint sich letztlich auf Einkreuzungen mit der Siamkatze zurückführen lässt. Neva-Verächter gehen daher davon aus, dass dies auch bei ihr so sein müsse, die schöne Hauskatzenreinzucht also durch eine Rassekatze befleckt wurde.
Tatsache ist, dass der Maskenfaktor bereits vor dem Zerfall der SU bei Katzen in Russland vorkam. Zu nennen sind z.B. die Namen wie der der Foundation-Kater Mars (sehr typvoller Sibirier, der noch heute auf jeder Schau punkten würde) und Max. Als einzige Rasse-Maskenkatze war bis dahin tatsächlich nur die Siamkatze in der Sowjetunion bekannt. Da die ersten Nachrichten von der Neva aus dem Gebiet um St. Petersburg, dem einstigen Zarensitz, herum stammen, wird vielfach angenommen, in den Revolutionswirren entlaufene Siamkatzen hätten sich mit Hauskatzen gepaart.
Dagegen spricht die Tatsache, dass es nach der Blockade von Leningrad (St. Petersb.) dort nach dem Krieg nachweislich absolut keine Katzen mehr gab. Die hungernden Menschen hatten alles Lebendige aufgegessen! (aus dem Tagebuch der damals zehnjährigen Walera Suchowa: "2. Dezember 1941: Die Katze gefangen und geschlachtet. 3. Dezember 1941: Die Katze gekocht und gegessen, sehr schmackhaft.")
Wegen der mit der zunehmenden Rattenplage wachsenden Seuchengefahr ließ angeblich die Regierung nach dem Ende der Blockade eisenbahnwaggonweise in allen Regionen der SU eingefangene Katzen nach Leningrad bringen. (Anzumerken ist, dass vormals bereits vor über 250 Jahren Zarin Elisabeth Petrovna, Tochter von Peter dem Großen Gleiches aus gleichem Grunde tat. Sie ließ aus dem fernen Kasan "die größten und stärksten Katzen" nach St. Petersburg bringen um die Eremitage rattenfrei zu halten. Aber, wie schon erwähnt, kann davon allenfalls im weiteren Umkreis sich etwas erhalten haben. - Sie begründete damit die Tradition der Haltung von Katzen in der Ermitage, die nach allen Revolutions- und Kriegswirren immer wieder aufgenommen wurde.)

Woher also kamen die (sehr selten auftretenden) Maskenkatzen in St. Peterburg, an der Wolga und auch anderswo in Russland und angrenzenden Ländern?

Unlängst erzählte mir ein Birmazüchter auf einer Schau in Paaren, er hätte in einer Fernsehreportage über eine gottverlassene Gegend in Sibirien in einem Dorf langhaarige Maskenkatzen durchs Bild laufen sehen.

Einen weiteren interessanten Hinweis auf das Vorhandensein von Maskenkatzen an der Wolga fand ich im Internet: http://www.riegers-edelkatzen.de/nevas.htm

Die Besitzer unseres Boris kauften als Zweitkatze von Russlanddeutschen in Berlin eine Point-Katze, deren Eltern mit eingewandert waren. Als Rasse wurde beim Kauf "Birma" angegeben.


Links Boris Petrowitsch vom Hohen Timp, rechts die "Birma" von den Übersiedlern. Auf dem Foto schlecht zu erkennen: Die Katze hat kein weißes Haar und ist halblanghaarig mit buschigem Schwanz.

Übrigens stammt auch einer der ersten gezeigten Nevas von der Wolga. "Boyz" wurde zusammen mit gleichfarbener Mutter und Schwester1988 von Irina Gorinova in Samara gefunden und mitgenommen.

Ein weiteres Beispiel:
Die Käuferin von Boris Schwester Bronja (eine Russin, verheiratet mit einem Deutschen) erzählte von ihrem daheim bei ihren Eltern gebliebenen "Birmakater", welchen sie als winziges Kitten auf dem Markt aus dem Hut des Verkäufers gekauft hatte. Wie wahrscheinlich ist es wohl, ein Kitten einer solchen, in Russland zu diesm Zeitpunkt extrem seltenen und teuren Rasse für ein paar Rubel auf dem Markt erstehen zu können? Es ist wohl eher wie bei uns. Jeder, der papierlose Katzen verkauft, preist sie je nach Ähnlichkeit als diese oder jene Rasse an, um seine Verkaufschancen zu erhöhen. Warum nicht "Birma" für eine pointfarbens Straßenkatze?

Ich selbst sah unlängst in einer Fernsehreportage über Kasachstan eine Maskenkatze in einem kasachischen Dorf.

In einer weiteren Reportage, dieses Mal aus Karelien, "Wo Russland finnisch ist", konnte man unlängst in einem 20-Seele-Dorf in den Tiefen der karelichen Wälder eine pointfarbene Katze mit ebensolchem Katzenkind sehen. Ein weitere Beleg, dass das Point-Gen in der Hauskatzenpopulation Russlands eben gelegentlich vorkommt.

http://www.flickr.com/photos/s_f/1037240457/ (Pointkatze in Karelien, Russland)

Und hier eine wild lebende "Hauskatze" 2009 in Novosibirsk, welche von den Bürodamen regelmäßig gefüttert und verwöhnt wird. Nach Auskunft der Tochter der fotografiernden Büroangestellten, lebt auf dem Betriebsgelände eine verwilderte Katzenkolonie mit mehreren dieser Katzen "komischer grauer" Farbe. Das Foto entstand dann in meinem Auftrag, weil ich sehen wollte, ob diese Katzen womöglich Nevas sind.

Weitere Fotobelege gefällig? Klicken Sie auf Straßenkatzen.

Ist der Maskenfaktor bei der Neva vielleicht doch durch eine eigene Spontanmutation entstanden? Bei den goldfarbigen Sibirischen Katzen, die freilaufend praktisch überhaupt nicht vorkommen, nimmt man selbstverständlich Spontanmutationen an. Warum gibt es die bei freilaufenden Sibiriern nicht, obwohl das Gold doch dominant ist und sich sehr viel leichter verbreiten und erhalten müsste, als das rezessive Point? Jedenfalls scheint es so, das der Maskenfaktor bei Hauskatzen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion eben gelegentlich vorkommt, wie übrigens auch im benachbarten China.

Man kann natürlich sagen, das Maskengen sei erst durch nach 1990 eingeführte Rassekatzen in die russischen Hauskatzen gelangt. Aber wie wahrscheinlich ist das, auch angesichts der regional weiten Verbreitung auch in ländlichen Gegenden des Pointfaktors und der geringen Zahl von Rassekatzen und der wenigen Jahre, die seit der Wende vergangen sind?
Bei uns in Deutschland gibt es schon viel, viel länger alle möglichen Rassekatzen in Point (Siam, Birma, Thai, Balinesen, Ragdoll, Neva). Aber haben Sie auch nur eine einzige freilaufende Hauskatze in Point gesehen? Ich noch nie, und ich bin 52 Jahre alt.

Hält man als Katzenfreund in Auslandsreportagen die Augen offen, so kann man eine Menge lernen und muss nicht gebetsmühlenartig die Glaubenssätze selbsternannter Vorbeter widerkäuen.

Letztendlich ist es unwichtig, woher das Maskengen kommt. Tatsache ist, dass das Auftreten des Maskenfaktors bei der Sibirischen Katze eben nicht allerneusten Datums ist und die Neva von Anbegin der geregelten Zucht in Russland dabei war.
Wie schon erwähnt, gibt es ohnehin im Sinne der Rassekatzenzucht keine "Reine Waldkatze". "Aber", so die Nevagegner, "sie sind rein von Einflüssen planmäßig gezüchteter Rassekatzen".
Woher wissen sie das?
Bei freilaufenden Katzenpopulationen ist gar nichts sicher. Nur kann man sicher sein, dass derartige Einfluss gering sind. Eingeflossenes fremdes Erbgut geht in einer übermächtigen Population auf und kann schließlich nach ca. 8 Generationen ausmendeln. Da dies mit dem Maskengen, obwohl rezessiv, nicht geschehen ist, kann man davon ausgehen, das seine Verbreitung doch so gering nicht ist.

Dass das Maskengen eben drin ist, beweisen Erfahrungen von Züchtern, die allergrößten Wert darauf legen "reine" Sibirier zu züchten und die nur mit Tieren arbeiten, die soweit bekannt, keine Pointkatzen im Pedigree haben. Trotzdem fallen plötzlich Nevas.

Hier einige Links auf Züchterseiten zum Thema "Überraschungsfarbe Point":

Amantes

Iz Ermitage

Cattery tomintouls

newskij

von der Jägermühle (Stammbaum von Isabella ansehen, die in ihrem ersten Wurf ein Neva-Baby hat)

Ich bin überzeugt, würden die Neva-Verächter Testpaarungen mit Neva-Partnern machen, würden Sie noch manche Überraschung mehr erleben. Delikat ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die FIFE, welche die Neva nicht anerkennt, offenbar problemlos Zuchtpapiere für Tiere ausstellt, die Nevas als Wurfgeschwister haben, solange nur im schriftlichen Stammbaum keine Neva auftritt. Mit Neva-Trägern kann, wie es scheint, gezüchtet werden, wenn man nur bei der Anpaarung "aufpasst".

Hier können Sie das Pedigree eines solchen Zufallstreffers in Point einsehen:

http://www.pawpeds.com/db/?a=p&id=768659&g=8&p=sib&date=iso&o=ajgrep

Im gesamten Pedigree, das teilweise über 12 Generationen zurückverfolgbar ist, findet sich keine einzige Point-Katze. Trotzdem kam eine Neva heraus. Allerdings is bekannt, dass über Gelios Onix Gloria gelegentlich point fällt. Pikanterweise ist gerade dieser Kater eigentlich soetwas wie ein Flagschiff der Reinheitsfanatiker, die Nevas ablehnen, weil sie angeblich Siamkatzen im Pedigree haben.

Dazu kommt, dass natürlich eine heutige Sibirische Katze nicht den kompletten Gensatz ihrer angenommenen Ahnin hat. Die einzelnen Gene werden weitgehend unabhängig von einander weitergegeben. Daher ist es theoretisch möglich, dass bei einer farbigen Katze ganze Ahnenreihen zurück keine Maskenkatze auftrat, sich in ihr aber trotzdem mehr Gene einer Vermischung erhalten haben, als in einer Pointkatze. Dieses Gen macht sich eben nur besonders augenfällig bemerkbar, soll heißen:

Eine Neva Masquarade ist nicht reiner oder unreiner als jede andere Sibirische Katze.

Und:

Es reicht keinesfalls den Maskenfaktor aus seiner Zucht zu verbannen. Davon werden die Katzen auch nicht reiner. Es ist reine Augenwischerei zu glauben, die eigenen Linien seien frei von "Vermischungen", nur weil man das Maskengen "vielleicht" nicht hat. Da hilft auch kein neuerdings verfügbarer Maskenfaktor-Gentest. Ein einfaches Exempel verdeutlicht dies:

Paaren Sie eine Neva mit einem vollfarbigen Sibirier, so sind alle Kinder vollfarbig, tragen jedoch den Maskenfaktor. Paaren sie jetzt zwei dieser Kinder miteinander, so fallen statistisch gesehen 50% für den Maskenfaktor mischerbige Sibirier (mit Masken-Gen), 25% Nevas und 25% "reine Sibirier" ohne das Masken-Gen. "Reine" Sibirier, obwohl 2 von 4 Großeltern Nevas waren?

Selbverständlich steht es jedem frei, den Farbschlag zu mögen und zu züchten oder eben nicht. Aber die Ausgrenzungsargumente stehen auf tönernen Füßen.

Das oben zitierte Beispiel der Maskenkatzen aus dem sibirischen Dorf und der ungeklärte Ursprung der St. Petersburger Katzen lassen es auch nicht als ausreichend erscheinen, Zuchtkatzen aus St. Petersburg zu meiden, zumal deren genetische Ausstattung sich kaum von der anderer Sibirier unterscheiden dürfte.

Eine interessante Parallele zum Vorhandensein des Point-Gens bei der Sibirischen Katze findet sich bei der Türkisch-Angora. Obgleich immer mal wieder Pointkatzen in nachweislich reinen Linien auftraten, war diese Farbe bisher offiziell nicht anerkannt. Erst 2006 erkannte der erste Dachverband diese auch bei der Türkisch-Angora offensichtlich schon immer vorhandenen Farbe offiziell an. Interessant ist dies vor allem auch deshalb, weil es in der Rassegeschichte der Angoras und der Sibirier weit zurückliegende Brührungspunkte gab. Mehr zu Thema finden Sie auf der Homepage der Cattery Hosca Kal .

Und wie ist das mit den Balinesen im Stammbaum mancher Nevas?

Balinesen wurden überhaupt erst 1963 in den USA als Rasse anerkannt und die ersten Balinesen entsanden, wie man annimmt, in den 40ziger Jahren in England nach Kreuzung von Siam mit Türkisch Angora. Wie wahrscheinlich ist da die Existenz von Balinesen hinter dem Eisernen Vorhang?

Als nach der politischen Wende in Russland die ersten Katzenschauen abgehalten wurden, hatte praktisch niemand Katzen mit Papieren, denn eine planmäßige Rassekatzenzucht gab es in der Sowjetunion nicht. Die Katzen wurden also unter der Rassebezeichnung vorgestellt und eingetragen, die Besitzer und Richter von der Optik für vergleichbar hielten. So wurden vollfarbige russische Langhaarhauskatzen (Das Wort "Sibirische Katze" als Rassebezeichnung gab es noch nicht) eben als Main Coon oder Norweger, Nevas aber z.B. als Balinesen vorgestellt, denn natürlich wollte jeder gern seine schöne Katze durch eine echte Rasse adeln. Nur, diese Rassen gab es in Russland zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht! Erst, nachdem man sich klar wurde, dass diese Tiere international nie anerkannt werden würden, wurden sie der sich entwickelnden Zucht einheimischer Katzen (jetzt Sibirier genannt) zugeschlagen, wo sie ja auch hingehörten.
Gerade erst erzählte mir eine Kitteninteressentin, ihre vor 20 Jahren aus Russland mitgebrachte Katze sei gerade gestorben. Sie hätten sie all die Jahre für einen Norweger (die es doch vor 20 Jahren in Russland gar nicht gab !) gehalten. Erst jetzt, nachdem sie zufällig im Internet auf die Sibirische Katze gestoßen waren, fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen.

Die Zucht der Sibirischen Katze begann überwiegend mit Straßenkatzen aus den großen Städten wie Moskau und Leningrad. Klar, dass unter diesen noch am ehesten mit einem Einschlag von Siam oder Perser (auch bei den vollfarbigen !) gerechnet werden muss, doch dürfte er gering sein.

Noch am sichersten "reine Hauskatze" unter den Stammeltern der Sibirischen Katze dürfte die Gruppe der sogenannten Trassenkatzen sein, welche in den 80ziger Jahren von Arbeitern der Erdgastrasse aus ländlichen Gebieten Südrusslands mit in die DDR gebracht wurden. In der Zucht in Russland spielen sie natürlich keine Rolle. Wer aber Wert auf "garantiert Hauskatze" legt (und dabei von "Waldkatze spricht", muss seine Zucht auf diesen Trassenkatzen und anderen Stammtieren aus möglichst abgelegenen Gebieten aufbauen.

Klar ist dennoch, dass Point eben nicht die typische Färbung russischer Hauskatzen war und ist, sondern die Ausnahme. Dieser Tatsache ist es zuzuschreiben, dass in Russland selbst die seltene Neva sehr viel eher Absatz findet, als die vollfarbigen Sibirier, die man schließlich überall umsonst haben kann.

 

Neuimporte aus dem Osten

Natürlich ist es immer wünschenswert, den Genpool der Zucht in Deutschland durch Neuimporte zu erweitern. Vermutlich gibt es in den Dörfern auch noch genug unregistrierte Sibirier, vielleicht sogar hier und das mal eine in point. (Siehe oben die Katze in Novosibirsk) Immer wieder kommt es vor, dass ich auf Katzenaustellungen von Besuchern ,Aussiedlern aus der früherern Sowjetunion, Aussagen wie diese zu hören bekomme: "So einen langhaarigen Kater hat meine Oma im Dorf XY auch."

Allerdings, wenn man sich Fotos früher Foundations ansieht und mit manchen heutigen Zuchtkatzen vergleicht, finden sich doch heute oft Perser- und Britenmerkmale, wie allzu runder Kopf, kleine Ohren, sehr große, typisch geformte Augen, sehr kurze, stämmige Beine aber gelegentlich auch erstaunlich große Ohren mit eindrucksvollen Luchspinseln, kantige Schnauzen u.s.w. Auffällig ist auch, dass ursprünglich bei der sibirischen Katze seltene Farben wie silber und golden quasi am Fließband geliefert werden können, mit gestochen scharfem tabby.

Außerdem arbeitet manch ein Züchter mit enger und engster Inzucht. So kommt es vor, dass alle vier Urgroßväter eines Tieres ein und der selbe Kater ist oder ein Pedigree lückenlos in allen Linien auf nur 3 Katzen zurückgeht. Ein paar Generationen später (und produziert wird in schneller Folge) ist das im Pedigree nicht mehr ohne weiters ersichtlich. Ein Rückgang an Fitness, Fruchtbarkeit und Gesundheit in solchen Zuchten sind erste Warnzeichen von Inzuchtdepressionen und intelligenter werden solche Individuen auch nicht gerade, wie man vom Menschen weiß.

Es wird produziert, was gerade in Mode ist: eine Zeit lang enorme Luchspinsel, ganzjährig überreiche Fellmassen, exotische Farben, gestochen scharfe Fellmuster und neuerdings, besonders bei den Nevas, Puppengesichter. Wer Erfahrungen in der Tierzucht hat, weiß, wie langwierig, risikoreich und von Rückschlägen behaft das Herauszüchten und konsolidieren bestimmter Merkmale bei Einhaltung der Reinzucht ist. Einkreuzung von Rassen, in denen das begehrte Merkmal konsolidiert vorhanden ist, beschleunigt den "Zuchtfortschritt" ungemein. Allerdings bleibt es fraglich, ob die süßen Fellmonster noch etwas mit dem Standard zu tun haben. Dies betrifft die vollfarbigen Sibirier übrigens nicht viel weniger als die Nevas.

Natürlich besteht die Möglichkeit für beide Probleme nicht nur bei Importkatzen!

Eine ausgereifte sibirische Katze sollte weder allzu niedlich noch puppig aussehen. Sie sollte immer auch erwachsen, selbstbewußt und im typischen Waldkatzenlook auftreten.

Lasst uns die Sibirische Katze einschließlich der Neva so weiterzüchten, wie sie auf uns gekommen ist, oder sollen unsere Sibirier in nicht ferner Zukunft aussehen wie früher die Perser und heute die Highländer aber mit Ohrpinseln als i-Tüpfelchen?

 

Die Neva Masquarade eine eigenständige Rasse?

Dies wird immer mal wieder behauptet von Züchtern, die meinen, Point gehöre nicht in eine Waldkatze. Die Tatsache, dass es genaugenommen gar keine Waldkatzen gibt, sondern nur laghaarige Hauskatzen, wird dabei ebenso geflissentlich übersehen wie die Tatsache, dass auch golden und Silber nicht gerade hauskatzentypisch sind und schon gar nicht wilkatzentypisch. Trotzdem gibt es Zuchtverbände, die die Neva als eigenständige Rasse führen, jedoch inkonsequenter Weise dann "Kreuzungen" mit Sibiriern erlauben . Leider ist das selbst in meinem Verein, Felina e.V. der Fall. Wundern Sie sich also nicht, wenn auf der Ahnentafel eines Tabby-Katerchens als Rasse Sibirische Katze steht, auf der seines tabby-point-Wurfbruders aber Neva Masquarade. Offensichtlich ist man sich auf Schauen dann oft nicht schlüssig, ob man nun die Neva als eigene Rasse richtet, oder als Farbvariante.

Auch schon vorgekommen: Auf ein und der selben Schau wird die eine Neva als Rasse Neva Masquarade gerichtet, die andere als Rasse Sibirische Katze.

 

Meiner Meinung nach, ist die Anzahl der eingeführten Stammtiere viel zu gering, um sich auf Dauer in diesem immer gleichen Kreis zu bewegen. Daher werde ich auch in Zukunft typvolle vollfarbige Sibirier mit Nevaträgern kombinieren. Die Neva ist eine Farbvariante der Sibirischen Katze. Gerade weil die "modernen" Nevas aus Russland doch starke Zweifel aufkommen lassen, ob dies noch so ist, züchte ich mit der Kombination Vollfarbe x point und soweit mir möglich, mit den "alten" Linien.

 

Wurftag-Rechner für Katzen - wann ist es soweit ?

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